Die digitale Zukunft passt in zweistöckigen Truck

Thomas Morawitzky

Die digitale Zukunft kommt, es ist gewiss. Eigentlich ist sie ja schon da. Am Donnerstag und Freitag vor der Schwarzwaldhalle Gärtringens ist das auf beispielhaft greifbare Weise der Fall. Da steht ein zweistöckiger Truck, in dem alles drin ist, was neue Möglichkeiten bringt, Spannung, Spaß und kreative Herausforderung: Die „Expedition D“ ist zu Gast; Schülerinnen und Schüler der Theodor-Heuss-Schule versuchen sich vor der Multimediawand und im digitalen Raum.

Natürlich zieht die unförmige schwarze Erweiterung der vorderen oberen Gesichtspartie die größte Neugier auf sich. Die Rede ist von der VR-Brille, der Brille, die ihrem Träger den Eintritt in eine andere, computergenerierte Wirklichkeit ermöglicht. Tanja Spindler, Lavinia Kazan und Carina Köhler sind es, die diese Technik eben erkunden im unteren Stockwerk des technologischen Erfahrungstrucks „Expedition D“, der vor der Gärtringer Schwarzwaldhalle steht. Der Truck, zweistöckig, topmodern, bunt, wirkt von außen geradezu unscheinbar – denkt man an all die Wunder, die in seinem Innern warten.

Tanja Spindler ist es, die die Brille trägt. Sie streckt die Hand aus, tappt herum, nicht wirklich so, als stünde sie im Dunkeln. Sie sieht etwas anderes als alle anderen im Raum, etwas, das sich mit der Gärtringer Erfahrungswirklichkeit nicht deckt. Ein Bildschirm eröffnet den Umstehenden den Blick auf das, was die Schülerin umgibt: Ein Zimmer, ein Schreibtisch, Dinge, nach denen sie sucht, nach denen sie greift. Obwohl sie eigentlich nicht da sind. Zumindest nicht physisch.

Die virtuelle Realität, in die die Schülerin der Gärtinger Theodor-Heuss-Schule eingetreten ist, hat etwas von einem Wimmelbild: Verborgen im Zimmer, das auf dem Bildschirm leuchtet, liegen Einzelteile, aus denen Tanja einen Roboter zusammenbauen soll. Gerade eben sucht sie nach dem Arm des Roboters. „Das ist ganz schön echt!“, sagt sie.

Jochen Fleck und Nissar Hassam, Mitschüler von Tanja Spindler, widmen sich wenige Schritte weiter an einem kleinen Gerät einer einfacheren Digitalaufgabe, die allerdings Fingerspitzengefühl erfordert. Auch sie haben einen Bildschirm vor sich. Ein fixes „Zielmuster“ aus drei farbigen Balken zur Rechten ist zu sehen, variable Balken, ebenso farbig, zur Linken, die die beiden Schüler vermittels dreier unterschiedlicher Sensoren auf die exakten Werte des Ziels justieren sollen. Auch Jochen und Nissar sind gefesselt von ihrer Aufgabe.

Die VR-Brille, das Spiel der Sensoren – sie sind nur ein kleiner Teil der Überraschungen, die im Innern von „Expedition D“ auf die Schüler warten: Hier werden sie mit den technischen Voraussetzungen des autonomen Fahrens vertraut, mit der Augmented Reality, dem 3-D-Druck; sie programmieren Roboter, machen Erfahrungen mit den Grundmustern der KI, der künstlichen Intelligenz. In seinem Untergeschoss versammelt „Expedition D“ – „D“ steht für digital – an mehreren Stationen und der sogenannten Multimedia-Wand, die alleine schon sehr schick ist und manch einem das Gefühl geben mag, endlich in der Enterprise gelandet zu sein, ein gutes Dutzend digitaler Anwendungsbeispiele: „Coding“, „Protocols“, „Blockchain“ und so weiter. Die Schüler der Theodor-Heuss-Realschule werden im Handumdrehen tausendmal schlauer sein als jeder x-beliebige freie Journalist.

Felicitas Mundel gehört zu den drei wissenschaftlichen Begleitern, die mit der „Expedition D“ nach Gärtringen gekommen sind; Michael Tiles heißt einer ihrer Kollegen. Sie alle verfügen über Studienabschlüsse in den sogenannten MINT-Fächern – was das bedeutet, gehört zum Ersten, das die Schüler im Technotruck lernen: die Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik. Felicitas Mundel und ihre Kollegen arbeiten für „Coaching for Future“, ein Programm zur Berufsvorbereitung an Schulen, gefördert unter anderem von der Baden-Württemberg-Stiftung und der Agentur für Arbeit. Der wichtigste Inhalt, den die Coaches den Schülern vermitteln möchten, ist: Die Digitalisierung kommt, wird viele Berufsfelder direkt verändern. Deshalb muss man sich mit ihr auseinandersetzen, und das soll Spaß machen.

„Expediton D“ ist der neueste Baustein bei „Coaching4Future“: Der Truck ist seit April 2019 auf der Straße. In seinem oberen Stockwerk beschäftigen sich die Schüler, unterstützt durch Tablets, mit möglichen Projekten – der Digitalisierung eines Fitnessstudios, der Programmierung eines digitalen Operationsassistenten. Das Spektrum der Beispielfälle ist breit gefächert. Im unteren Stockwerk lernen sie die technischen Möglichkeiten, Gadgets wie die VR-Brille oder die Sensoren kennen. Dann kehren sie ins Obergeschoss zurück und sinnieren über die Verbindung von digitaler Technik und realer Projektanforderung.

Jeder Schulklasse stehen 90 Minuten im Truck zur Verfügung; sechs Klassen der Theodor-Heuss-Schule – achte und neunte Klassen – haben ihn Donnerstag und Freitag besucht. Bernd Heinrich, Lehrer für Gemeinschaftskunde und Wirtschaft und zuständig für Berufsorientierung, ist von der Expedition nicht minder begeistert als seine Schüler: „Sie lernen auf spielerische Weise, mit den Technologien umzugehen“, sagt er. „Sie bekommen Verknüpfungen zu ihren Berufen, erfahren, wie die Digitalisierung ihr mögliches Berufsfeld tangiert.“ Und das, findet Heinrich, ist ein perfekter Ansatz, vor allem zu diesem Zeitpunkt: „Morgen ist an unserer Schule Berufsorientierungstag.“ Bestimmt wird sich dann zeigen, dass die Anzahl der Schüler, die Konstrukteure von Robotern werden möchten, zugenommen hat …

 

 

Quelle:

Foto: Der Lastwagen der „Expedition D“ hält jede Menge technische Gimmicks bereit GB-Foto: Bäuerle

https://www.gaeubote.de/Nachrichten/Die-digitale-Zukunft-passt-in-zweistoeckigen-Truck-41033.html