Mit AR und VR gegen Silver Tsunami & Co.

Augmented und Virtual Reality fürs Business

Augmented und Virtual Reality haben ihren Exotenstatus verlassen und gehören inzwischen zum Digitalisierungs-Repertoire vieler Unternehmen. Treiber dieser Entwicklung sind Faktoren wie der steigende Fachkräftemangel, der Druck zu mehr Produktivität und die zunehmende Komplexität in der Fertigung.

Im Rahmen der allgegenwärtigen Digitalisierungsbemühungen der Industrie rücken Augmented und Virtual Reality zunehmend in den Vordergrund. So eignet sich Virtual Reality etwa hervorragend für die Arbeit mit 3D-Modellen oder die Zusammenarbeit von verteilten Teams beim Design eines neuen Produkts. Indem Firmen neue Mitarbeiter in einer virtuellen Umgebung trainieren, statt an echten Maschinen und Anlagen, lassen sich nicht nur Stopps oder zumindest Verzögerungen in der Produktion vermeiden: Die Unternehmen können so auch Reise- und Transportkosten sparen.

Das Spektrum bei Augmented Reality, wo zusätzliche computergenerierte Informationen in eine reale Umgebung eingeblendet werden, reicht von Schritt-für-Schritt-Anleitungen bei der Produktmontage über Pick-by-Vision als Unterstützung von Kommissionierungs-Tätigkeiten bis hin zur Remote-Zuschaltung eines Experten in Echtzeit via Video. In den meisten Fällen werden dazu Smart Glasses genutzt, damit die Arbeiter ihre Hände frei haben. AR funktioniert aber auch mit handelsüblichen Smartphones und Tablets, für einige Szenarien wie das Einblenden von Schnittmustern (zum Beispiel bei Hugo Boss in der Türkei) genügt sogar ein Projektor.

Die Effektivität von AR-Lösungen sei bewiesen, so Nathan Pettyjohn, Commercial AR/VR Lead bei Lenovo, in seiner Präsentation auf der Augmented World Expo (AWE) Europe in München: Mit Smart Glasses und AR erreiche man im Warenlager 15 bis 35 Prozent mehr Produktivität beim Kommissionieren, in der Fertigung sinke die Fehlerrate auf fast null Prozent und im Field Service gehe die Zeit zum Lösen eines Problems um 30 bis 40 Prozent zurück. Außerdem hätten Studien gezeigt, dass neue Mitarbeiter beim aktiven Lernen am Arbeitsplatz nach drei Monaten bereits 80 Prozent der Inhalte verinnerlicht hätten, beim passiven Lernen dagegen nur 20 bis 30 Prozent.

AR und VR – raus aus der Nische

Angesichts solcher Erfolge ist es kein Wunder, dass AR und VR langsam auch in deutschen Unternehmen ankommen. Dies untermauern auch die Ergebnisse einer Studie, die IDG Research Services im Auftrag von PTC vorgenommen hat. Wie die Umfrage unter gut 200 Entscheidern ergab, setzen fast drei Viertel der deutschen Unternehmen Augmented oder Virtual Reality bereits ein oder planen dies zumindest für die kommenden zwölf Monate.

Ein wesentlicher Grund für die zunehmende Verbreitung dürfte die hohe Zufriedenheit früher AR/VR-Anwender mit den erzielten Ergebnissen sein: Laut Studie sehen mehr als drei Viertel der Unternehmen, die eine der beiden Techniken bereits im Einsatz haben, ihre Erwartungen in vollstem Umfang oder in hohem Maße als erfüllt an. Am häufigsten genutzt werden dabei Schritt-für-Schritt-Anleitungen (45 Prozent), gefolgt von Remote Assistance (39 Prozent), dem Transfer von Wissen (38 Prozent) und Collaboration-Funktionen (37 Prozent).

Hendrik Witt, CEO des Bremer Anbieters von industriellen Wearable– und AR-Lösungen Ubimax, bestätigt im CW-Gespräch, dass insbesondere AR mittlerweile dem Nischendasein entwachsen ist. So gebe es inzwischen eine Vielzahl erprobter Szenarien im Industrieumfeld. Von den großen Unternehmen hätten alle die Technologie auf dem Schirm, allerdings nicht durchgängig mit praktischen Erfahrungen. Im Gegensatz zu früher, so Witt, gebe es aber genügend Peers, die mit AR und Datenbrillen Erfolg haben und bereit sind, davon zu berichten und die Türen zu öffnen – wenn auch nicht unbedingt dem Wettbewerb.

Doch damit nicht genug: In der eigenen Praxis habe man in diesem Jahr zwei Phänomene wahrgenommen, die auf den zunehmenden Reifegrad der Technologie und den Umgang der Unternehmen mit ihr hinweisen, berichtet Witt. So habe die Coca Cola Hellenic Bottling Company (HBC), der mit über zwei Millionen Einheiten jährlich drittgrößte Coca-Cola-Abfüller weltweit, bei der Suche nach einer AR-Brillen-gestützten Kommissionierungslösung (Vision Picking) komplett auf einen Piloten verzichtet und Ubimax xPick gleich in einem ihrer Lager ausgerollt.

Während die Kommissionierer bislang mit Handscannern und auf Palettenwagen montierten Tablets arbeiteten, werden ihnen bei der neuen Lösung die Kommissionier-Positionen, -orte und -mengen direkt im Sichtfeld angezeigt. Außerdem können sie den QR-Code der Ware mit der integrierten Kamera der Datenbrille einscannen und haben so die Hände für die eigentliche Aufgabe frei. Witt zufolge konnte Coca-Cola HBC mit xPick die Kommissionierungsleistung bereits nach dem ersten Monat mit Vision Picking um sechs bis acht Prozent steigern – bei nahezu 100 Prozent Genauigkeit. Als Konsequenz plane das Unternehmen noch in diesem Jahr fünf zusätzliche Standorte mit der Lösung auszustatten.

Bei dem zweiten Referenzkunden BMW Nordamerika ging der Einführung des auf Ubimax xAssist basierenden Systems TSARA VISION zwar eine längere Testphase voraus, so Witt, danach folgte mit den 347 BMW-Vertragshändlern und ausgewählten Mini-Händlern in den USA jedoch vermutlich der weltweit größte Rollout einer Smart-Glass-Lösung.

Anstatt etwa bei einer komplizierten Reparatur auf die Ankunft eines Support-Mitarbeiters von BMW zu warten, können Servicetechniker über die Datenbrille von Realwear einen oder mehrere Experten von BMW spontan zu einer Videokonferenz zuzuschalten. Diese können dann in Echtzeit Dokumente teilen, Arbeitsanweisungen geben oder auf der Datenbrille durch Augmented Reality wichtige Elemente im Sichtfeld des Servicetechnikers hervorheben. Die Lösung habe BMW so sehr überzeugt, berichtet der Ubimax-Chef, dass nun nach den USA auch die Händler in Mexiko und Brasilien im Rahmen des „Technical Information Systems“ von BMW damit ausgestattet werden sollen.

Mit der HoloLens gegen den Silver Tsunami

Im Industrieumfeld gibt es insbesondere drei Themen, die den Firmenlenkern unter den Nägeln brennen – und wo AR Abhilfe oder zumindest Linderung schaffen kann. Laut Michael Campell, Executive Vice President, Augmented Reality Products bei PTC, seien das der wachsende Mangel an Facharbeitern, die zunehmende Komplexität von Produkten und Arbeitsumgebungen, sowie die gestiegenen Anforderungen und Wünsche der Kunden.

Insbesondere die Folgen des „Silver Tsunami“, der weltweit auf die Fertigungsbranche zurollt, dürfe man nicht unterschätzen, meint Campell. Die wegen der zunehmenden Vergreisung im Fertigungsbereich wegfallenden Stellen seien nicht nur schwierig nachzubesetzen, auch das angesammelte Expertenwissen drohe verloren zu gehen, so der Manager. Um diesen Wissensverlust zu stoppen, biete sein Unternehmen daher mit Vuforia Expert Capture eine AR-Lösung, mit der (scheidende) Fachexperten ihr Wissen via Microsoft HoloLens in Form einer standardisierten, interaktiven Arbeitsanleitung aufzeichnen und weitergeben können.

Auch Campell bestätigt, dass der Markt inzwischen den Wert von AR erkannt habe. Galt früher noch das Motto „Ausprobieren und Herausfinden“, gäbe es inzwischen klare Erkenntnisse, welche Vorteile die Technologie in Hinblick auf Produktivität, Effektivität, Effizienz oder Differenzierungsfaktor biete.

Um Neukunden hier den Einstieg zu erleichtern, hat PTC – natürlich nicht ganz uneigennützig – das Feedback von 480 Industriekunden gesammelt und für verschiedene Branchen und Problemstellungen in harten Dollars berechnet, welche Wertschöpfung und damit verbunden Einsparung durch den Einsatz von AR je Fabrik erreicht werden kann. Die Kunden könnten auf Basis eines solchen Leitfadens mit einem Anwendungsfall starten und die erzielten Einsparungen nutzen, um das nächste Problem zu lösen, so Campell.

Ubimax-Chef Witt empfiehlt eine ähnliche Herangehensweise. Aus seiner Sicht bietet Remote Expert Support trotz eines einfachen Einstiegs schnell einen substanziellen Mehrwert. Einmal implementiert, käme dann schnell die Frage nach Content, Workflow oder Anleitungen. Hier müsste das Unternehmen der Versuchung widerstehen, alles in einer Anwendung unterzubringen. Ziel sollte vielmehr eine Lösung sein, die mitwachsen kann – damit man nicht wieder von vorne anfangen müsse.

Quelle:

Foto: Bosch hat für Trainingsszenarien eine eigene Lösung auf Basis seiner Common Augmented Reality Platform (CAP) und Reflekt One entwickelt. Unterstützt werden verschiedene Endgeräte, unter anderem die HoloLens 2 von Microsoft. – Microsoft

https://www.computerwoche.de/a/mit-ar-und-vr-gegen-silver-tsunami-und-co,3547944

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